G/GESCHICHTE 04/2012

Die 50er und 60er – Sehnsuchtsjahre der Deutschen

Haupt-Themen dieser Ausgabe:

Das Wunder von Deutschland - Ein deutscher Mythos entsteht
Alles beim Alten?
- Alte Nazis, neue Macht
Aus Mädchen werden Bräute
- Das Bild von der idealen Frau
Soraya, Sissi & Co.
- Fluchten in den Kitsch
Rock ‘n’ Roll
- Die Halbstarken betreten die Bühne
Must-haves der 50er und 60er
- Nierentische, Fernsehschränke und lässige Sonnenbrillen
La dolce vita
- Die Reisewelle rollt
“Gastarbeiter”
- Von Neapel nach Duisburg:
Die 68er
- Aufstand gegen den “Muff von 1000 Jahren”
Rudi Dutschke
- Auf den Spuren einer Ikone
Angst vor der Bombe
- Deutschland und der Kalte Krieg
Eine verhängnisvolle Affäre
- Franz Josef Strauß gegen den Spiegel
Adenauer und Brandt
- Zwei Köpfe, zwei Karrieren, zwei Konzepte von Politik
Pille, Kolle und Kommune
- Die sexuelle Revolution erreicht die deutschen Schlafzimmer

 

Die 50er und 60er – Sehnsuchtsjahre der Deutschen

Für viele sind die jungen Jahre der Bundesrepublik die gute alte Zeit. Nach Zeiten des Kriegs und der Entbehrung hatte man es sich im Klubsessel gemütlich gemacht, aß den legendären “Toast Hawaii” und trank dazu an Feiertagen “Kalte Ente”, die beliebte Bowle aus Sekt und Moselwein. Samstags waren Kinoabende mit Heimatschnulzen oder seichten Musikkomödien angesagt. Und bei der Musik von Rudi Schuricke träumten die Deutschen von Capri – es konnte einen zuweilen vor Gemütlichkeit schütteln.

Was die Welt an diesem Deutschland erstaunte, war die ungeheure Dynamik der Industrie. Der Verlierer des Zweiten Weltkriegs schien der große Gewinner der Nachkriegszeit zu sein und “Made in Germany” war gefragter denn je. Die explosive Ausfuhr war nur möglich, dank eines Heeres von “Gastarbeitern”. Nur langsam wurde den Deutschen klar, dass die Menschen aus Andalusien und Anatolien mehr waren, als nur “Malocher”, sondern unsere Gesellschaft bereicherten. Für mich persönlich kam diese Bereicherung durch eine spanische Familie in der Nachbarschaft, die ich als Bub stets gerne besuchte. Dort herrschten keine altdeutschen Erziehungsideale — man konnte einfach Kind sein. Samstags schaute ich dann mit Begeisterung “Aqui Espana”: Fiestas, Stierkämpfe, Prozessionen, Kirchen und Burgen.

Während ich meine kleinen Fluchten unternahm, fand in den Hörsälen und auf den Straßen die großen Rebellion statt. Bislang hatte man versucht den Zweiten Weltkrieg mit 
seinen Verbrechen zu verdrängen oder ihn durch literarische Werke wie den »Arzt von Stalingrad« zu trivialisieren. Doch jetzt rechneten die zornigen jungen Männer und Frauen mit ihrer Elterngeneration ab. Alt-Nazis wurden gnadenlos demaskiert und radikale Gegenentwürfe provozierten: Kommunen und Kommunismus, Sex und Drogen. Die Welt der braven Bürger war aus den Fugen.
Aber die Intellektuellen von 68 hatten nicht das Monopol auf Wahrheit. Auf ihren linken Augen waren sie oft blind, übersahen gerne die Menschenverachtung Maos und die brutale Niederschlagung des Prager Frühlings.
1969 änderte sich die politische Bühne, als mit Willy Brandt der erste sozialdemokratische Bundeskanzler gewählt wurde. Ein neuer, aufregender Abschnitt der Nachkriegsgeschichte hatte begonnen.

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