G/GESCHICHTE 01/2013

Der Heilige Gral – Artus’ Tafelrunde und die ewige Suche

Haupt-Themen dieser Ausgabe:

Das Parzival-Universum - Wolfram von Eschenbachs Epos und seine wichtigsten Protagonisten
Geografie des Grals
- Der Montserrat in Katalonien
Die Schöpfer des Grals
- Wie die Gralsdichtung des Mittelalters ein neues Ritterideal erträumte
Der König leidet
- War König Balduin IV. das Vorbild für Eschenbachs Anfortas?
Geografie des Grals
- Die englische Abtei Glastonbury
Wunderkessel und Zaubertrank
- Keltische Wurzeln
Artus
- Romanheld, Pilgerziel und politisches Programm
Geografie des Grals
- Montségur in den Pyrenäen
Gralshüter
- Templer, Katharer und die Geheimnisse von Okzitanien
Sang Real/San Greal
- War der Gral eine Frau?
“Da bin ich in der Gralsburg …”
- Wagner, Ludwig II. und “Parsifal”
Die Legende lebt
- Von Peitschen und Kokosnüssen

 


Der Heilige Gral – Artus’ Tafelrunde und die ewige Suche

“Die Suche nach dem Kelch Jesu Christi ist die Suche nach dem Göttlichen in uns allen, aber wenn du Fakten verlangst, Indy, so kann ich dir keine bieten.”
Dieses Zitat aus dem Spielfilm “Indiana Jones und der letzte Kreuzzug«”triff es genau. Wissenschaftliche Beweise für den Gral gibt es nicht, man muss schon Mystiker oder Esoteriker sein, um an seine reale Existenz zu glauben. Aber trotzdem ist der Gral ein faszinierendes Thema für ein Geschichtsmagazin. Denn durch die Jahrhunderte spiegeln sich die Ideale und Träume der Menschen in ihm wider.

Das beweist schon die erste Gralserzählung des Mittelalters, der “Perceval” des Chrétien de Troyes. Die Dichtung entsteht in jenen Jahren, als Saladin das christliche Königreich von Jerusalem ins Wanken bringt. Den Grund dafür suchen die Menschen weniger in der militärischen Überlegenheit des Feindes als im moralischen Verfall der Kreuzfahrerstaaten. Was die Welt braucht, waren, gleich Parzival, geläuterte Ritter, die nicht mehr für Ruhm und Minne kämpfen, sondern für den Glauben. Graf Philipp I. von Flandern, dem Chrétien sein Werk widmet, wird 1191 auf dem Dritten Kreuzzug sterben …

Der Gral und die Ritter der Tafelrunde avancieren zum beliebtesten Thema der Literatur. Aber nach den Kreuzzügen werden die Geschichten profaner. Die höfische Gesellschaft des Spätmittelalters möchte fantastische Abenteuer, gewürzt mit einer Prise Erotik. Artusturniere, Tafelrunden und Gralsfeste haben in dieser Zeit Hochkonjunktur. Mit Renaissance und Reformation verlieren die Menschen ihr Interesse am Gral, bis ihn die Dichter der Romantik wiederentdecken. Die mystische Gralswelt wird der Gegenentwurf zu einem als seelenlos empfundenen Industriellen Zeitalter. In England liefern die Dichtungen von Alfred Lord Tennyson die Gralsmotive für die rückwärtsgewandte Malerei der Präraffaeliten, während sich Deutschland an Wagners Bühnenweihspiel “Parsifal” berauscht.
Auch in der Esoterik feiert der Gral fröhlichen Einstand. Gralsgesellschaften werden gegründet und Schatzjäger beginnen sogar, nach dem Gefäß zu suchen – vergeblich. Sie haben nicht begriffen, was uns Parzival lehren kann: Die Suche nach dem Gral ist die Suche nach der eigenen Vervollkommnung.

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